Gesangswerke Chorwerke Kammermusik Orchesterwerke Sonstiges
 

Kataklysmos

"Jetzt weiß ich, dass wir hin sind!", schrieb Ludwig Wittgenstein über den Ausbruch des ersten Weltkriegs (1914). Tatsächlich entwickelte sich dieser "Große Krieg" in ein Gräuel ungeahnten Ausmaßes. Wilfred Owen (1893-1918) erlebte diese Gräuel als Soldat und in seinem Gedicht schildert er hautnah erlebbar die unfassbaren Grausamkeiten, wozu Menschen imstande sind. Eines dieser Gedichte ist "Mental Cases" – und damit beginnt das Oratorium und alles bleibt im Bann dieser Schreckensgeschehnisse.

Gewalttaten, Frevel und Sünde sind es dann auch, worauf es für Gott nur noch eines zu tun gibt: "Wahrhaftig alles vom Erdboden zu vertilgen". Aber in den Augen Gottes gibt es doch noch einen Gerechten, dem die Sintflut nichts anhaben soll: Noah und seiner Familie. Ihn veranlasst Gott eine Arche zu bauen, in die er seine Familie und alle "reinen und unreinen Tiere" bringt. Daraufhin verschlingen die tosenden und brausenden Wassermassen alles auf Erden.

Erst nach vierzig Tagen enden die göttlichen Wasserfälle und wenig später kann Noah mit seiner Familie und den Tieren die Arche verlassen. Gott sieht jedoch ein, dass sich der Mensch in seiner Verderbtheit nicht ändern lässt, weshalb er nicht nochmals eine Sintflut über die Erde kommen lassen will.

"Kataklysmos" – oder zu Deutsch die "Sintflut" – ist das dritte und letzte meiner "Genesis"-Oratorien. Angelegt habe ich es daher als einen dramatischen Höhepunkt, in welchem ich aufrütteln, nachdenklich und bewusst machen möchte, was für ein Ungeheuer der Mensch sein kann. Angelpunkt dafür war für mich einerseits der biblische Text, aber auch das Gedicht "Mental Cases" von Wilfred Owen. Als ich dieses Gedicht zum ersten Mal gelesen habe, war ich erschüttert und konnte mir nicht vorstellen, das zu vertonen. Aber in einem wahnsinnigen Traum huschten immer gleiche oder ähnliche schauerliche Bilder mit makabren Texten und schrecklicher Musik wie in einem Endlos-Film in mir hinein. Tags darauf war die Musik da, aber auch meine Zerbrochenheit angesichts der vielen Scheusale unter den Menschen, die nichts lieber tun, als in den "Sümpfen des Elends" zu waten.

Dieses Elend überträgt sich zweifellos auf Vieles, was im und um den Menschen ist und was uns immerzu wieder und wieder beeinflusst. Selbstverständlichkeit ist auch Ästhetik und Kunst davon betroffen, wo es sehr oft zu einem Waten in tiefsten Abgründen kommt. Insofern glaube ich, dass hier die Sintflut noch aussteht.


Uraufführung: 17. Oktober 2015, 20:30 Uhr, Pfarrkirche St. Pauls, Pauls Sakral || 18. Oktober 2015, 19 Uhr, Wallfahrtskirche Götzens, Cultura Sacra || Susanne Langbein (Sopran), Andreas Mattersberger (Bariton), Chor und Orchester der Akademie St. Blasius, Karlheinz Sießl (Leitung)

 

© Copyright 2015 by Franz Baur. Alle Rechte vorbehalten.